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«Besitze ich ein Haus oder besitzt das Haus mich?»: Carolin Stäger über Architektur, die zum Leben passt

Marco Baumann
von
Marco Baumann
10.09.2026
Architektin Carolin Stäger auf dem islamischen Friedhof Altach
Carolin Stäger ist diplomierte Architektin SIA und Innenarchitektin und führt das Atelier Cambium. Foto: Daniela Reske
Darum gehts
  • Carolin Stäger denkt Architektur und Innenarchitektur von Beginn an gemeinsam.
  • Für Bauherrschaften sieht sie klare Prioritäten und eine frühzeitige Planung als entscheidend an.
  • Ihr holistischer Ansatz bezieht neben klassischen Planungsfaktoren auch energetische und feinstoffliche Aspekte ein.

Wie viel Haus braucht ein Mensch wirklich und wie früh sollte beim Bauen über den Innenraum nachgedacht werden? Carolin Stäger ist diplomierte Architektin SIA und Innenarchitektin und führt das Atelier Cambium. Sie verfolgt einen holistischen Ansatz, bei dem Architektur, Innenarchitektur, Mensch und Ort gemeinsam betrachtet werden. Im Interview beschreibt sie ihre Arbeitsweise, typische Fehler beim Bauen und ihre persönliche Vorstellung davon, wie wir künftig wohnen könnten.

Architektur und Innenarchitektur zusammen denken

Für Sie gehören Architektur und Innenarchitektur zusammen. Was geht verloren, wenn beides nacheinander statt miteinander geplant wird?

Es geht vor allem unglaublich viel Potenzial verloren und häufig auch unnötig viel Budget. Viele Dinge lassen sich bereits in der Primärkonstruktion so clever anlegen, dass daraus später ganz selbstverständlich Einbauten entstehen können. Ein Einbaumöbel kann beispielsweise gleichzeitig Stauraum und Raumtrennung sein. Wenn solche Überlegungen früh in die Architektur einfliessen, lassen sich später aufwendige und teure Lösungen in der Möbelplanung vermeiden.

Architektin Carolin Stäger auf einer Baustelle
Architektur und Innenarchitektur denkt Carolin Stäger bereits früh im Planungsprozess zusammen. Foto: Rola Kerekesh

Für mich geht es aber noch um viel mehr: um den roten Faden, der sich durch ein Gebäude zieht. Das gilt für ein Wohnhaus genauso wie für ein Café, eine Arztpraxis oder einen öffentlichen Bau. Blickachsen, Raumproportionen, Licht, Materialität und Möblierung beeinflussen sich gegenseitig. Wenn Architektur und Innenarchitektur von Anfang an gemeinsam gedacht werden, entsteht daraus ein stimmiges Ganzes.

Kommt die Innenarchitektur erst später hinzu, arbeitet sie mit dem, was bereits da ist. Dann versucht sie häufig, Lösungen in eine Architektur hineinzuschustern, die dafür gar nicht vorgesehen war. Genau dabei geht ein grosser Teil des gestalterischen und funktionalen Potenzials verloren.

Woran merken Sie beim Betreten eines Hauses, dass diese beiden Ebenen nicht zusammengedacht wurden?

Das merkt man meistens ziemlich schnell. Zum Beispiel am Raumfluss: Wenn Wege durch ein Haus umständlich oder nicht selbstverständlich wirken, wenn Möbel irgendwo stehen, weil dort eben noch Platz war, oder wenn Flächen entstehen, die kaum sinnvoll genutzt werden können.

Ich nenne das gerne «Sekundärarchitektur». Damit meine ich all die Dinge, die später ergänzt werden, weil sie funktional gebraucht werden, aber in der ursprünglichen Planung keinen richtigen Platz bekommen haben. Ein plakatives Beispiel ausserhalb der Innenarchitektur wäre für mich eine stimmig gestaltete Berghütte und mittendrin steht später der Coca-Cola-Sonnenschirm. Er erfüllt seine Funktion, aber er gehört gestalterisch nicht zu dem Ort. Hätte man diese Funktion von Anfang an mitgedacht, hätte eine ganz andere Lösung entstehen können.

Im Innenraum passiert genau das Gleiche. Die Bauherrschaft bekommt zunächst eine architektonische Hülle und geht anschliessend ins Möbelhaus oder zum Schreiner, um diese Hülle zu füllen. Dann werden Möbel hineingestellt, anstatt dass sie Teil der Architektur werden. Dadurch gehen nicht nur gestalterische Qualität und ein stimmiger Raumfluss verloren, sondern oft auch erstaunlich viel nutzbare Fläche.

Ab wann sollte man sich mit der Innenarchitektur beschäftigen, und wann tun es die meisten Bauherrschaften tatsächlich?

Für mich gehen Architektur und Innenarchitektur von Anfang an Hand in Hand. Natürlich gibt es zunächst grundlegende Fragen zum Grundstück: Was lässt das Baurecht zu, wo liegt das Baufenster, welche Bedingungen gibt der Ort vor und welches Volumen kann daraus entstehen? Aber sobald sich die ersten räumlichen Strukturen entwickeln, beginnt für mich auch die Innenarchitektur.

Spannend ist, dass viele Bauherren und Bauherrinnen gedanklich zu diesem Zeitpunkt längst dort sind. Sie kommen mit Pinterest-Boards und gespeicherten Bildern und haben häufig schon sehr genaue Vorstellungen davon, wie sie später wohnen möchten. Und dann kommt salopp gesagt erst einmal die Architektur dazwischen, die ja auch noch geplant werden will.

Im klassischen Planungsprozess wird die Innenarchitektur dann häufig zurückgestellt: Erst planen wir die Hülle, um den Innenraum kümmern wir uns später. Ich halte diese Trennung für verschenktes Potenzial. Denn Innenarchitektur beginnt für mich nicht bei der Auswahl einer Wandfarbe, eines Sofas oder einer Leuchte. Sie beginnt bei der Frage, wie wir uns durch Räume bewegen, wo Dinge ihren Platz finden, welche Blickbeziehungen entstehen und wie Architektur unseren Alltag unterstützt.

Gute Planung denkt das grosse Ganze und die kleinen Selbstverständlichkeiten von Anfang an zusammen und hört nicht an der Haustüre auf.

Entscheidungen, die früh fallen

Welche Entscheidungen treffen Bauherrschaften früh und bereuen sie später am häufigsten?

Viele Entscheidungen werden zu früh getroffen, bevor klar ist, welche Konsequenzen sie für das Gesamtbudget haben. Da kommt dann beispielsweise das Pinterest-Bild mit der flächenbündigen Sockelleiste und der Wunsch: Genau das möchte ich unbedingt haben. Wenn später die Kosten ermittelt werden und plötzlich sichtbar wird, was dieses Detail pro Laufmeter bedeutet und worauf dafür an anderer Stelle verzichtet werden soll, verändert sich die Priorität häufig sehr schnell.

Deshalb finde ich es wichtig, Wünsche nicht isoliert zu betrachten. Ein Haus besteht aus sehr vielen Entscheidungen und das Budget steht nur einmal zur Verfügung. Gute Planung bedeutet für mich deshalb auch, früh herauszufinden: Was ist für diese Bauherrschaft wirklich wichtig? Wo lohnt es sich, Geld zu investieren und wo bringt eine teure Lösung für das spätere Wohnen vielleicht erstaunlich wenig?

Eine noch viel grundlegendere Entscheidung fällt allerdings häufig ganz am Anfang: Mit wem plane und baue ich überhaupt? Gehe ich zu einem Bauträger oder entscheide ich mich für eine individuelle Planung mit einem Architekturbüro? Beides kann seine Berechtigung haben, aber Bauherren und Bauherrinnen sollten verstehen, dass sie damit sehr unterschiedliche Planungsprozesse wählen.

In meiner Architektursprechstunde landen immer wieder Bauherren und Bauherrinnen, die sich für einen Bauträger entschieden haben und später merken, dass ihnen die Individualität fehlt. Dann versuchen wir, aus einem bereits weit entwickelten Grundriss noch mehr herauszuholen oder bestimmte Entscheidungen nachträglich zu korrigieren. Das ist möglich, verursacht aber zusätzlichen Aufwand und zusätzliche Kosten.

Deshalb halte ich die Frage, welchen Planungsweg ich wähle und wie individuell mein zukünftiges Zuhause wirklich werden soll, für eine der wichtigsten Entscheidungen überhaupt. Und sie fällt lange vor der Frage nach der Sockelleiste.

Gibt es einen Fehler, den Sie so oft sehen, dass Sie ihn schon erwarten?

Viele Wünsche, kleines Budget. Das ist wahrscheinlich der Klassiker.

Und die vielen Wünsche sind gar nicht das Problem. Ich finde es sogar gut, wenn Bauherren und Bauherrinnen mit grossen Vorstellungen in eine Planung starten. Schwierig wird es erst, wenn jeder Wunsch die gleiche Priorität bekommt.

Dann soll das Haus gross sein, die Küche hochwertig, die Fenster möglichst raumhoch, die Materialien besonders, die Haustechnik auf dem neuesten Stand und natürlich sollen auch all die schönen Details aus der Pinterest-Sammlung ihren Platz finden. Irgendwann trifft diese Wunschliste auf das reale Budget.

Für mich gehört deshalb sehr früh im Planungsprozess die Frage dazu: Was ist euch wirklich wichtig? Wo wollt ihr jeden Tag Qualität spüren und wo könnt ihr ganz bewusst reduzieren? Ein begrenztes Budget bedeutet nicht automatisch weniger gute Architektur. Im Gegenteil: Gerade aus klaren Prioritäten können sehr gute und kreative Lösungen entstehen.

Wo wird beim Bauen und Umbauen am falschen Ort gespart?

Am falschen Ort gespart wird für mich ganz klar bei der Qualität der Materialien, bei guter Planung und Beratung und sehr häufig bei der Bauleitung.

Gerade bei der Bauleitung würde ich Bauherren und Bauherrinnen wirklich raten: Nehmt euch einen guten Bauleiter. Versucht nicht, diese Aufgabe nebenbei selbst zu übernehmen, nur um an dieser Position zu sparen. Ein guter Bauleiter kann am Ende unglaublich viel Geld, Zeit und vor allem Nerven sparen. Er erkennt Probleme früh, koordiniert die verschiedenen Gewerke und sorgt dafür, dass aus einer guten Planung auch eine gute Ausführung wird.

Was ich ebenfalls häufig sehe, ist, dass beim konstruktiven Sonnenschutz gespart wird. Das ist für mich ein gutes Beispiel für eine Entscheidung, die zunächst wie eine Einsparung aussieht, deren Konsequenzen später aber jeden Tag spürbar sein können.

Und dann gibt es noch eine Ressource, an der beim Bauen erstaunlich oft gespart wird: Zeit. Entscheidungen unter Druck sind selten die besten Entscheidungen. Wenn der ganze Planungs- und Bauprozess von einem Termin wie «An Weihnachten wollen wir einziehen» bestimmt wird, entsteht unnötiger Druck auf Entscheidungen, Planung und Ausführung.

Ich würde deshalb jedem Bauherrn und jeder Bauherrin empfehlen, sich auch Zeit als Teil des Budgets zuzugestehen. Ein Haus begleitet uns im besten Fall über Jahrzehnte. Ob der Einzug ein paar Wochen früher oder später stattfindet, ist im Verhältnis dazu erstaunlich unbedeutend.

Der Mensch und der Ort

Carolin Stäger bezieht in ihren holistischen Ansatz neben klassischen architektonischen Kriterien auch feinstoffliche und energetische Aspekte ein. Die folgenden Aussagen beschreiben ihre eigene Arbeitsweise und Einordnung.

Wenn Sie ein neues Projekt beginnen: Was müssen Sie über die Menschen und den Ort wissen, bevor Sie überhaupt ans Gestalten denken?

Zuerst möchte ich die Menschen kennenlernen. Wie möchten sie wirklich leben? Was ist ihnen wichtig? Wie sieht ihr Alltag aus und welche Rolle soll das Haus darin spielen?

Architektin Carolin Stäger mit Federn in der Natur
Carolin Stäger verfolgt mit dem Atelier Cambium einen holistischen Ansatz bei Architektur und Innenarchitektur. Foto: Rola Kerekesh

Eine Frage finde ich dabei besonders spannend: Möchte ich ein Haus besitzen oder besitzt das Haus irgendwann mich? Wie viel meiner Zeit, meines Geldes und meiner Energie möchte ich langfristig in dieses Gebäude investieren? Möchte ich beispielsweise weiterhin die Freiheit haben, viel zu reisen, oder möchte ich einen grossen Teil meines Lebens rund um mein Zuhause gestalten? Solche Fragen haben für mich einen ganz konkreten Einfluss auf Grösse, Raumprogramm und letztlich auf den gesamten Entwurf.

Genauso wichtig ist für mich der Ort. Als holistische Architektin betrachte ich ein Grundstück nicht als leere Fläche, auf die anschliessend ein Gebäude gesetzt wird. Wir untersuchen einen Bauplatz deshalb sehr früh auch hinsichtlich seiner feinstofflichen und energetischen Qualitäten. Welche Bereiche des Grundstücks fühlen sich besonders stimmig an? Wo befinden sich energetische Störfelder? Welche Geschichte und welche vorhandenen Qualitäten bringt dieser Ort mit?

Danach kommen selbstverständlich auch die klassischen Parameter der Architektur hinzu: Topografie, Sonnenstand, Ausrichtung, Vegetation, Erschliessung, Ausblicke oder die umgebende Bebauung. Für mich gehören all diese Ebenen zusammen. Erst wenn ich den Menschen und den Ort verstanden habe, möchte ich anfangen, Architektur für beide zu entwickeln.

Welche Eigenschaften eines Grundstücks sollten den Entwurf bestimmen, bevor überhaupt über Grundriss und Gestaltung gesprochen wird?

Für mich beginnt ein Entwurf mit dem Lesen des Grundstücks. Im Rahmen unserer energetischen Bauplatzanalyse untersuchen wir deshalb zunächst die feinstofflichen Qualitäten des Ortes. Wir schauen beispielsweise nach Wasseradern und energetischen Störfeldern, suchen aber genauso nach den besonders guten Plätzen eines Grundstücks. Auch die vorhandene Vegetation ist interessant: Welche Pflanzen und Bäume wachsen wo und was können sie uns über einen Ort erzählen?

Diese Erkenntnisse fliessen später ganz konkret in den Entwurf ein. Wo ist beispielsweise ein guter Platz zum Schlafen? Welche Bereiche eignen sich besonders für Räume, in denen wir uns lange aufhalten? Und gibt es Bereiche, die wir bewusst anders nutzen?

Danach verbinde ich diese Ebene mit den klassischen Eigenschaften des Grundstücks. Wohin möchte sich das Gebäude öffnen und wo braucht es Rückzug? Wo gibt es einen Ausblick, den ich inszenieren möchte? Wie wandert die Sonne über das Grundstück? Und wie kann bereits die Architektur selbst dazu beitragen, dass sich das Gebäude im Sommer nicht unnötig aufheizt?

Für mich entsteht ein guter Entwurf deshalb nicht dadurch, dass ich einen Grundriss nehme und ihn auf einem Grundstück platziere. Das Gebäude entwickelt sich aus dem Ort heraus. Der Bauplatz gibt bereits sehr viele Hinweise darauf, welche Architektur dort entstehen möchte und 50 m weiter kann nicht das gleiche Gebäude entstehen. Sonst finden wir uns in der weiss-anthrazit Boxen-Neubausiedlung mit Truman-Show Charakter wieder.

Viele Bauherrschaften kommen mit fertigen Bildern im Kopf. Wie gehen Sie damit um, wenn diese Vorstellung nicht zum Ort passt?

Da hilft für mich vor allem eines: Ehrlichkeit mit ein bisschen Diplomatie. Wenn ich das Gefühl habe, dass ein mitgebrachtes Bild nicht zum Ort passt, spreche ich das relativ schnell an. Architektur sollte ehrlich zu ihrem Ort sein und kein Disneyland darstellen.

Gerade in historisch gewachsenen Dörfern gehe ich deshalb mit Bauherren und Bauherrinnen auch gerne einmal durch den Ort. Wir schauen uns gemeinsam die bestehenden Gebäude an und versuchen zu verstehen, warum sie so aussehen, wie sie aussehen. Welche Materialien wurden verwendet? Welche Proportionen prägen den Ort? Wie reagieren die Häuser auf Landschaft, Klima und Topografie?

Die spannende Frage lautet für mich dann nicht: Wie können wir ein historisches Gebäude nachbauen? Sondern: Wie können wir die Geschichte und Identität dieses Ortes in die Gegenwart übersetzen? Was fehlt diesem Dorf vielleicht sogar und welche zeitgenössische Antwort können wir mit unserem Gebäude darauf geben?

Wenn dieser Prozess gelingt, entwickelt sich daraus häufig ganz selbstverständlich ein anderes Bild für das Grundstück als das ursprünglich mitgebrachte Pinterest-Foto.

Natürlich entsteht Architektur im Dialog mit der Bauherrschaft. Gleichzeitig gibt es Grundsätze, über die ich in meiner Arbeit absolut nicht hinweggehe. Wenn ich überzeugt bin, dass eine bestimmte Architektur diesem Ort nicht gerecht wird, dann sage ich das auch und führe sie auch nicht aus.

Räume, in denen man sich wohlfühlt

Woran liegt es, dass manche Räume auf Anhieb angenehm wirken und andere nicht, obwohl beide gut geplant scheinen?

Genau da beginnt für mich die Ebene, die sich auf einem Grundriss nur schwer darstellen lässt. Ein Raum kann funktional hervorragend geplant sein, hochwertige Materialien haben und auf den ersten Blick wunderschön aussehen und trotzdem fühlt man sich darin nicht wohl.

Für mich hat das sehr viel mit den Qualitäten des Ortes und mit den Entscheidungen zu tun, die wir für diesen Raum getroffen haben. Wurden die richtigen Materialien gewählt? Stimmen Licht, Proportionen und Ausrichtung? Kann die Energie im Raum fliessen oder gibt es Bereiche, in denen sie ins Stocken gerät? Und wurde beim Planen überhaupt wahrgenommen, welche Qualität der Ort mitbringt?

Das ist ein wesentlicher Teil unserer Arbeit in der holistischen Architektur. Wir betrachten nicht nur das, was sichtbar und messbar ist, sondern auch das, was ein Mensch in einem Raum wahrnimmt und spürt.

Ein Raum kann noch so hochwertig und perfekt inszeniert sein: Wenn es nicht fliesst, dann fliesst es nicht. Und das spüren wir häufig, lange bevor wir erklären können, woran es liegt.

Welche Rolle spielt Material dabei, und was wird dabei unterschätzt?

Material spielt in unserer Arbeit eine sehr grosse Rolle. Wir versuchen überwiegend mit natürlichen Materialien zu arbeiten, weil für uns nicht nur entscheidend ist, wie ein Material aussieht, sondern auch, woher es kommt, wie es gewonnen und verarbeitet wurde und welche energetische Qualität es mitbringt.

Material Hand auf einer strukturierten Wandoberfläche
Materialien beeinflussen nach Carolin Stägers Ansatz die Wahrnehmung und Gestaltung eines Raumes. Foto: Daniela Reske

Gleichzeitig geht es mir nicht darum, daraus ein Dogma zu machen. Wir hatten beispielsweise kürzlich eine Kundin, die sich unbedingt Chrom gewünscht hat. Diesen Wunsch haben wir selbstverständlich ernst genommen. Wir haben gemeinsam geschaut, an welcher Stelle wir Chrom einsetzen können, sodass es für sie und gleichzeitig für den Raum stimmig ist.

In unserer holistischen Arbeit gehen wir bei der Materialwahl noch einen Schritt weiter. Wir messen beispielsweise die energetische Qualität von Materialien in sogenannten Bovis-Einheiten. Darüber hinaus untersuchen wir, welche Materialien einem Raum guttun, welche vielleicht fehlen und wo wir die energetische Qualität durch eine bewusste Materialwahl erhöhen können.

Ich glaube, unterschätzt wird vor allem, dass Material nicht nur eine Oberfläche ist. Wir wählen es häufig nach Optik, Preis oder Pflegeeigenschaften aus. Für mich trägt ein Material aber auch seine Herkunft, seine Verarbeitung und seine eigene Qualität mit in einen Raum. Und genau deshalb kann die Materialwahl sehr viel stärker zur Atmosphäre eines Raumes beitragen, als wir ihr häufig zugestehen.

Was vermissen Sie in heutigen Neubauten immer wieder, obwohl es für die Wohnqualität einen grossen Unterschied machen würde?

Individualität. Ganz klar.

Wenn ich mir viele heutige Neubauten anschaue, habe ich das Gefühl, dass wir uns gestalterisch immer weniger trauen. Entweder sehen wir hartes Verkehrsweiss, glatte Flächen und Anthrazitgrau oder inzwischen Beige in Beige in Beige. Natürlich kann beides wunderschön sein. Aber wenn am Ende jedes Haus und jeder Innenraum gleich aussieht, stellt sich für mich die Frage: Wo sind die Menschen geblieben, die darin wohnen?

Ein Zuhause sollte für mich etwas über seine Bewohner erzählen. Über ihre Persönlichkeit, ihre Geschichte, ihre Bedürfnisse und auch über die Dinge, die sie lieben. Es darf Ecken haben, Besonderheiten, vielleicht sogar etwas, das nicht jedem gefällt.

Ich vermisse in vielen Neubauten deshalb weniger ein bestimmtes architektonisches Element als vielmehr den Mut zur eigenen Identität. Die Menschen trauen sich häufig nicht mehr, wirklich sie selbst zu sein. Dabei entsteht für mich genau dort Wohnqualität: wenn ich einen Raum betrete und spüre, dass er für die Menschen gemacht wurde, die darin leben und nicht für den nächsten Trend.

Wie wir künftig wohnen

Was wird sich am Wohnen in den nächsten zehn Jahren am stärksten verändern?

Wenn ich wissen möchte, wie wir in zehn Jahren wohnen, schaue ich weniger auf Wohntrends als darauf, wie wir in zehn Jahren leben und arbeiten werden. Denn genau das wird unsere Architektur verändern.

Ich glaube, dass wir dabei eine immer stärkere Auseinanderentwicklung sehen werden. Auf der einen Seite werden wir noch mehr Technisierung, Automatisierung und Smart Homes erleben. KI wird diese Entwicklung zusätzlich beschleunigen. In den Städten wird weiter verdichtet werden, Wohnraum wird kleiner und stärker optimiert.

Auf der anderen Seite sehe ich eine Gegenbewegung. Durch digitales und ortsunabhängiges Arbeiten können sich immer mehr Menschen fragen: Wo möchte ich wirklich leben? Wie viel brauche ich überhaupt? Ich glaube, dass daraus eine neue Form von Luxus entstehen wird: weniger besitzen, dafür hochwertiger, individueller und bewusster leben. Mehr Natur, natürliche Materialien, Handwerk und vielleicht auch eine Rückbesinnung auf alte Bauweisen und regionales Wissen.

Schlafzimmer mit Holzausbau und Blick in die winterliche Natur
Natürliche Materialien und reduzierte Räume prägen diese Darstellung eines Innenraums. Visualisierung: Atelier Cambium

Ich wurde einmal für einen Galileo-Beitrag zum Thema «Wohnen der Zukunft» und Smart Homes angefragt. Damals wurde mir sehr bewusst, dass meine persönliche Vorstellung vom Haus der Zukunft eine ganz andere ist. Für mich ist das Haus der Zukunft nicht der Kühlschrank, der mir sagt, wann die Milch leer ist.

Das Haus der Zukunft ist für mich einfach. Einfach an Technik, einfach in seiner Konstruktion und ruhig in seiner Wirkung. Ein Ort, der uns wieder ein Stück unabhängiger macht, statt immer neue Abhängigkeiten zu schaffen.

Wir leben gerade in einer Zeit der permanenten Optimierung: höher, schneller, intelligenter, vernetzter. KI wird diese Entwicklung vermutlich zunächst noch weiter auf die Spitze treiben. Ich glaube aber, dass genau daraus irgendwann eine starke Gegenbewegung entstehen wird. Je digitaler unsere Welt wird, desto wertvoller könnten Dinge werden, die wirklich physisch, individuell und von Menschen geschaffen sind.

Auch bei der Energieversorgung glaube ich nicht, dass alles, was wir heute als Zukunftstechnologie betrachten, tatsächlich die langfristige Lösung sein wird. Photovoltaik wird uns sicherlich noch eine ganze Weile begleiten. Langfristig glaube ich aber, dass wir andere Formen der Energiegewinnung entwickeln werden und auf die heutige Solartechnik irgendwann als eine Übergangstechnologie zurückblicken.

Vielleicht werden wir wieder erkennen, dass wahrer Reichtum nicht darin liegt, möglichst viel zu besitzen. Denn je mehr wir besitzen, desto mehr besitzt es auch uns. Für mich liegt die Zukunft deshalb langfristig nicht in noch mehr Technik, sondern in der bewussten Entscheidung, welche Technik uns wirklich dient und was wir wieder einfacher machen können.

Gibt es einen aktuellen Wohntrend, von dem Sie überzeugt sind, dass er wieder verschwindet?

Beige in Beige. Ich glaube, daran werden wir uns wieder sattsehen und ich habe das Gefühl, dass dieser Trend seinen Höhepunkt bereits überschritten hat. Farbe, Persönlichkeit und Individualität werden zurückkommen. Zum Glück.

Zum Schluss

Wenn jemand heute baut oder umbaut und sich nur eine einzige Sache merken könnte, welche wäre das?

«Was brauchen wir wirklich?»

Das ist für mich die wichtigste Frage, die wir uns stellen sollten, bevor wir bauen oder umbauen. Nicht: Was können wir uns alles leisten? Was ist gerade Trend? Was haben die Nachbarn? Oder was haben wir auf Pinterest gesehen?

Sondern: Was brauchen wir wirklich, um gut zu leben?

Wenn wir diese Frage ehrlich beantworten, verändert sie unglaublich viele Entscheidungen. Wie gross ein Haus sein sollte, welche Räume wir brauchen, welche Materialien wir wählen, wie viel Technik sinnvoll ist und wofür wir unser Budget einsetzen.

Ich glaube, gute Architektur entsteht nicht dadurch, dass wir immer mehr hinzufügen. Sehr oft entsteht sie dadurch, dass wir erkennen, was wir weglassen können. Und dass das, was bleibt, wirklich zu den Menschen und zum Ort gehört.

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